Folder "Sinnvoll tätig sein — Ein Grundeinkommensprojekt in Heidenreichstein"

Grundeinkommen — ein Versuch

Im Abseits

Grete ist nach einem schweren Unfall gehbehindert. Sie geht mit Krücken, mit dem Auto kann sie selbst nicht fahren, das Einsteigen in Busse schafft sie ohne Hilfe nicht. Vorher hat sie in einer großen Firma im Büro gearbeitet. Die Firma hat sie gekündigt. Sie schreibt durchaus mit Erfolg Gedichte und Kurzgeschichten.

Fred, Mitte 50, ist gelernter Werkzeugmacher. Nach der Scheidung hatte er Probleme mit dem Alkohol und ist total ins Abseits gerutscht. Er hat sich wieder gefangen, ist trocken, lebt in seinem kleinen bescheidenen Haus – allein. Sein großes Hobby ist das Reparieren jeglicher Gegenstände und Geräte. Als Werkzeugmacher hat er keine Chance mehr, das Programmieren von CNC - Maschinen ist an ihm vorübergegangen.

Petra ist eine junge Mutter. Auf Grund einer Schwangerschaft musste sie ihr Studium aufgeben. Seither hat sie noch drei weitere Kinder geboren. Petra hat eine besondere Gabe auf Menschen zuzugehen, besonders auf Kinder. Den Freiraum, den sie mit Schule und Kindergarten an manchen Vormittagen hat gibt ihr nicht die Chance auf eine Erwerbsarbeit.

Ein Philosophisches Café

Die Liste wäre endlos fortzusetzen. Immer mehr Menschen haben in diesem System keine Chance. Und was sie gerne tun würden ist nicht gefragt. Daher stellten wir als Betriebsseelsorge diese Frage: Was möchtest du von Herzen gerne tun? Es ist die Frage Fähigkeiten von Personen, die unsere Gesellschaft bereichern könnten. Und wir fragten weiter: Können Herzensangelegenheiten die Welt verändern?
Unter diesem Titel gab es ein Philosophisches Café. Dort entstand der Gedanke, dass es doch möglich sein müsste, arbeitssuchenden Menschen, die einen Kurs des AMS machen müssen, vielleicht schon den 3. Berufsorientierungskurs, eine Alternative zu bieten: ein halbes Jahr sich mit etwas zu beschäftigen, das sie wirklich von Herzen gerne tun möchten!

Die Idee faszinierte, wurde in ein Konzept verfasst und erfolgreich verhandelt. Zwar gibt es kein Geld dafür, aber wir dürfen das als Kurs anbieten und Menschen rund um Heidenreichstein dazu einladen. Das AMS unterstützt die TeilnehmerInnen. Einzige Bitte: Entscheide dich und formuliere: Was möchtest du von Herzen gerne tun? Der große Vorteil: das gilt für alle ohne irgendeine Vorbedingung.

Von der Idee zum Modell

Heli war von Anfang dabei, er wollte sich in der Bibliothek engagieren. Michaela, Textilarbeiterin in der vor einiger Zeit in Konkurs gegangen Fabrik, die eine behinderte junge Frau in Pflege genommen hat, absolvierte gleichsam eine „Ausbildung“ in einer geschützten Werkstätte. Josef kam aus seinen vier Wänden heraus und machte sich beim Fußballverein nützlich. Und natürlich waren auch Grete, Fred und Petra von der Partie. Nach und nach kamen andere dazu. Wir kannten sie alle ja schon lange. Aber vom ersten Augenblick der „Maßnahme“, die individuell begonnen werden kann und 6 Monate dauert, wird jede Person von uns persönlich begleitet. Die Idee wurde zu einem Erfolgsmodell: Für alle war das halbe Jahr viel zu schnell um, denn es stärkte ihr Selbstbewusstsein und gab ihrem Leben Sinn. Einige bekamen durch ihre Tätigkeit einen Arbeitsplatz, andere durchbrachen ihre soziale Isolation und bekamen eine Aufgabe unter Menschen. Die Zeit der Maßnahme verging, der Kontakt blieb.

Der Unterschied

Was war nun das völlig andere in dieser Maßnahme? Die TeilnehmerInnen hatten keinen Druck mehr sich bewerben zu müssen. Alle waren schon seit Jahren Arbeit suchend und bewarben sich bei den in Frage kommenden Betrieben immer wieder erfolglos. Und auch wenn es oft passiert, es gibt keinen Gewöhnungseffekt. Jede Ablehnung ist ein Schlag in die Magengrube!

Nun bekamen sie für das was sie taten Anerkennung. Auf einmal war es kein Blödsinn mehr, für den sie Zeit vergeudeten statt zu „arbeiten“, sie konnten darauf hinweisen, dass dies eine ganz legale Sache im Rahmen des AMS ist, so etwas wie ein Kurs eben. Vor allem konnten sie etwas ausprobieren und entwickeln!

Wir definieren Arbeit neu und gehen einen Schritt in Richtung Grundeinkommen

Jeder Mensch hat Fähigkeiten, viele liegen brach. Arbeit bedeutet, diese Fähigkeiten zu entwickeln und sie mit anderen Menschen zu teilen, das heißt sie in die Gesellschaft einzubringen. Das ist die Grundlage für unser Experiment. Die positiven Erfahrungen ermutigen uns die „Maßnahme“ auf 18 Monate auszudehnen. Etwa 1% der Heidenreichsteiner Bevölkerung soll einbezogen werden, Menschen, die wenig bis gar keine Chancen mehr auf diesem Arbeitsmarkt haben. Es ist eine einmalige Chance für die Region. Und es gibt zwei Forschungsziele:

Wie verändert sich die Situation der Einzelpersonen? Und wie wirkt sich das auf eine von der Krise geprägten Stadt wie Heidenreichstein aus, wenn Menschen, die durch Langzeitarbeitslosigkeit in sozialer Isolation sind, nun gemeinnützig tätig werden.
Wir sind gespannt und hoffen auf die dafür notwendigen Mittel!

Karl A. Immervoll
 
Zwischenbericht Sinnvoll Tätig Sein
Ostern 2018
Menschen richten sich auf

Seit Projektstart ist fast ein Jahr vergangen. Im letzten Bericht hieß es: Wir haben uns alle verändert! Diesmal sei gesagt, nicht nur WIR – das soziale Gefüge zwischen uns, die Beziehungen, aber auch das Verhältnis nach außen, etwa in die Gemeinde, wurde anders. Mit den Menschen ändert sich die Situation des Gemeinwesens! Das war unsere These von Beginn an und sie zeigt die ersten Ergebnisse.

Konkret:
  • Einige TeilnehmerInnen am Projekt sind ehrenamtlich engagiert, was bisher nicht vorstellbar war. Sie arbeiten regelmäßig bei SOMA, in der Arche und in der Tagesstätte Zuversicht mit. Dieses Engagement hält nun schon über längere Zeit. Die Arbeit passiert aus Überzeugung und macht ihnen Freude! Dafür bekommen sie auch verdiente Anerkennung.

  • Einzelne Personen haben Kontakte zu gemeinnützigen Institutionen und beginnen sich dort einzubringen: Solartaxi, Essen auf Rädern, Besuchsdienst. Das wäre vor einem Jahr nicht möglich gewesen. Es liegt sowohl am Selbstvertrauen der betroffenen Personen als auch an der Distanz zu gesellschaftlichen Einrichtungen. Allmählich begreifen sich alle als wichtiger Teil der Heidenreichsteiner Gesellschaft.

  • Vor der H‘steiner Arche wird von einer Gruppe der Grünraum im öffentlichen Bereich gestaltet und in Hinkunft auch gepflegt. Diese Insel war seit Jahren vernachlässigt, der draufstehende Baum dürr und die Grünfläche verwildert. In Eigeninitiative hat sich die Gartengruppe darum angenommen und vom Besitzer auch die Erlaubnis dafür eingeholt.

  • Bildung wird ein immer wichtigerer Bereich: Gemeinsam wird für die Führerscheinprüfung gelernt. Daneben gibt es noch eine Sprachgruppe für unsere MitbürgerInnen türkischer Herkunft. Und drittens findet wöchentlich ein Kurs „Basisbildung“, die regelmäßig von jenen besucht wird, die keinen Schulabschluss haben, statt.

  • Seit Jahresbeginn existiert eine Männergruppe, die sich regelmäßig trifft. Ebenso haben Übergewichtige sich zu regelmäßigen Treffen entschlossen, in denen sie für sich sorgen. Gruppen und Bekanntschaften nehmen eine größere Bedeutung ein, weil sie als unterstützend erlebt werden.

  • Eine Person ist seit September in Ausbildung, weitere werden folgen. Das betrifft vor allem auch die jüngeren TeilnehmerInnen. Schwierigkeiten bereiten da allerdings auch oft die Finanzen. Dass Ausbildungsstätten so gut wie nicht in der Region sind ist vor allem für Frauen mit Betreuungspflichten ein Hindernis. Eine große Hoffnung wäre die/der AlltagsbetreuerIn gewesen. Leider gibt es das nur in St. Pölten. Trotzdem legen wir Wert darauf.

  • Zwei Personen sind nach langer Arbeitslosigkeit in eine Beschäftigung gekommen. Weitere haben Aussicht darauf.

  • Einer der Teilnehmer hat bereits einen Gewerbeschein (wenn auch derzeit noch auf geringfügiger Basis), zwei weitere werden voraussichtlich um den Sommer einen solchen lösen. Der Sprung in die Selbstständigkeit ist nicht einfach, denn mehr als die Geringfügigkeit zu verdienen (und damit Wegfall des Bezugs) und davon leben zu können sind zwei verschiedene Situationen.

  • Freundschaften lösen einzelne Personen aus der bisherigen Isolation. In einem Fall teilen sich zwei Frauen geringfügige Tätigkeiten und vertreten sich auch gegenseitig, damit im Verhinderungsfall (Krankheit, …) diese nicht verloren gehen.

Vor uns stehen Menschen, die vor einem Jahr in der Heidenreichsteiner Öffentlichkeit nicht vorkamen und sich nun langsam einbringen. Es sind Frauen und Männer, die damals nichts miteinander zu tun hatten, aus verschiedenen Gesellschafts- und Altersschichten, zum Großteil allein und höchstens in ihrem Familienverband lebten. Insofern ist diese Veränderung enorm, nicht nur für die einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft.

 

Es gibt aber auch Aspekte, die uns bremsen:
 

  • An den Anfang sei die öffentliche Diskussion über Arbeitslose gestellt und eine mögliche Abschaffung der Notstandshilfe und damit verbunden der Zugriff auf mühselig erarbeitetes Eigentum. Es stellt manche vor wahre Existenzängste! Diese blockieren und zerstören sinnvoll Zukunftsperspektiven.

  • Für zumindest drei Personen bleibt nur die Möglichkeit einen Pensionsantrag zu stellen. Ihr gesundheitlicher Zustand ist so schlimm, dass an Erwerbsarbeit nicht mehr zu denken ist. Allerdings ist das für einige weitere Personen außer Reichweite. Die Ursache der körperlichen Schädigung liegt zumeist in früheren Arbeitsbedingungen, teilweise haben sie genau deshalb ihre Beschäftigung verloren.

  • Die Aktion 20.000 wäre für eine gute Möglichkeit der Weiterbeschäftigung gewesen und hätte doch gemeinnützige Gelegenheiten geschaffen. Für manche hätte das den Übergang in die Pension ermöglicht. Anderen hätte es noch mehr Zeit gegeben an ihrer Initiative dran zu bleiben um dann wirklich auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.

  • Betreuungspflichten (bezüglich Kinder und Eltern) betreffen nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Sie können sich Erwerbsarbeit im wahrsten Sinn des Wortes nicht leisten. Meist fehlt bei den Elternteilen die nötige Pflegestufe um sich Pflege leisten zu können. Sie muss daher von den „Kindern“ vorgenommen werden, die allerdings „arbeitslos“ sind.

  • Zwei Personen sind aus Heidenreichstein wieder weggezogen, in einem Fall Rückkehr in die Heimat Ungarn, im anderen Fall nach Wien. Letztere sah für sich im Waldviertel keine Perspektive!

  • Bei zwei weiteren Personen ist die psychische Beeinträchtigung so groß, dass wir uns um eine Unterbringung in einer entsprechenden Einrichtung bemühen. Das dafür notwendige Prozedere wurde eingeleitet.

Vor uns stehen Persönlichkeiten mit tollen Eigenschaften und Fähigkeiten. Die (sogenannte) Wirtschaft braucht sie nicht, nicht so wie sie sind! Klarerweise haben sie ihre Schwächen, wie jede(r) von uns auch. Aber ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft ist schwierig. Sie schleppen eine schwere Vergangenheit mit sich, die geprägt ist von geringen Chancen nach Alternativen. Viele Fragen, die von uns gestellt werden - wie die nach Fähigkeiten oder Bedürfnissen – wurden ihnen nie gestellt.

Eine Teilhabe und in der Folge Teilnahme erarbeiten sie sich mühsam. Aber wir sehen Fortschritte und wollen weder auf die Erfahrungen noch auf die Begegnungen mit den oben beschriebenen Menschen verzichten, weil sie uns lehren die eigenen Anteile an solcher Entwicklungen zu sehen. Sie zeigen uns einen anderen Blick auf unsere Wirklichkeit, auf politische Vorgänge und ihre Auswirkungen, die wir im öffentlichen Diskurs vermissen.
Aber genau das macht uns Hoffnung!

Ostern 2018

Karl A. Immervoll

Oktober 2018 - Neues vom Grundeinkommensexperiment "Sinnvoll tätig sein"

Interessiert verfolgt von verschiedenen Gruppen und (internationalen) Medien, aber weitgehend ignoriert von der nationalen Politik findet im Nordwesten des Waldviertels ein bedeutendes Experiment statt: 44 Menschen, betroffen von Langzeitarbeitslosigkeit, 1 % der Bevölkerung von Heidenreichstein (ca. 4000 Einwohner) machten sich daran nach ihren Talenten, Fähigkeiten und Bedürfnissen zu leben. Langzeit arbeitssuchende Menschen bekommen 18 Monate die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten bei einem Modellversuche zu entwickeln und in die Gesellschaft einzubringen. Dieses Modell wird vom AMS NÖ unterstützt und wissenschaftlich von Forschungsgruppen aus Wien, St. Pölten und Salzburg begleitet. Die Teilnehmer erwartet kein vorgefertigtes Bündel an Schulungsmaßnahmen, sondern Begleitung bei der persönlichen Zielverfolgung ohne unmittelbarem Arbeitsdruck.

Wertschätzung und Verständnis führen dazu, dass rund ein Viertel der TeilnehmerInnen bisher eine Anstellung gefunden hat. Und auch sonst entstand Neues, für sie selbst und für das Leben in der Stadt. „Sinnvoll tätig sein“ ist ein Grundeinkommensprojekt der Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel.

Nun meldet sich eine Teilnehmerin zu Wort und bringt ihre Angst gegenüber der Politik unserer Regierung eindrucksvoll zum Ausdruck, es ist Angst um ihre und ihres Gatten Zukunft; Existenzangst! In einem emotionalen Brief wendet sie sich an Kanzler Kurz, Vizekanzler Strache und Sozialministerin Hartinger-Klein. Sie bittet um ein Gespräch um zu vermitteln, welche „Menschen hinter den Zahlen stecken, die sie meinen kürzen zu müssen“. Die Antworten waren beschämend und ohne Aussicht auf ihr Ansinnen.

Die Frau ist 58 Jahre alt, verheiratet und arbeitslos. Seit April 2017 nimmt sie am Grundeinkommensprojekt „Sinnvoll tätig sein“ teil. Das Projekt war mit Oktober befristet. Nun wurde zwar aufgrund der Intervention von LH Mikl-Leitner eine Verlängerung bis Ende des Jahres gewährt, ändert aber an der Situation an sich wenig. Trotzdem sind wir dankbar für die TeilnehmerInnen, auch wenn die Mehrkosten seitens der Betriebsseelsorge getragen werden müssen. Es bräuchte eben eine aktive Arbeitsmarktpolitik mit Alternativen zum ersten Arbeitsmarkt.
 

Karl A. Immervoll, Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel

 

Der Name der Frau ist bekannt, wird aber zu ihrem Schutz nicht veröffentlicht.